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Gründe für eine Beratung im Gehen
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Gründe für eine Beratung im Gehen und im Freien
Jeder Prozess ist ein Weg - Warum ihn nicht gehen? Im Laufe meines Lebens habe ich immer wieder die Erfahrung machen können, dass Gespräche, die während des Gehens stattgefunden haben, besonders anregend gewesen sind. Und auch wenn ich alleine unterwegs war, habe ich feststellen können, dass ich in seltsamer Weise mit meinem inneren Angelegenheiten zu tun hatte; ganz anders, als beim ruhigen Sitzen auf einem Stuhl. Nicht, dass ich in einer ruhigen und stillen Situation nicht nachdenken könnte, es hat nur eine andere Qualität für mich. Bei Spaziergängen durch die Natur spüre ich, wie vorüberziehende Außen-Impulse mein inneres Empfinden aktivieren und mir einen Anlass bieten, mich zu öffnen. Und schon gar nicht, dass die äußere Natur mich etwa ablenkte: Ganz im Gegenteil hat es den Anschein, als würde das Tempo des Gehens und der Takt der Schritte, die Pausen, die Art des Auftretens, all das, gleichsam dem Rhythmus einer Musik, sich auf die Struktur meines Denken legen; es quasi wie einen dahingleitenden Fluss achtsam durch eine Allee leiten. Die natürlich gegebene Komplexität und Spontaneität wirkt dabei wie ein äußerer Impulsgeber für die Kreativität innerer Denkakte und Phantasien. Dabei verhält es sich oft so, als die Wahrnehmung der vorüberziehenden Bäume, Sträucher, des Flusslaufes, der Tiere, anderer Passanten, usw., leicht und stetig in innere Bilder und begleitende Empfinden mündet. Da nun der Begriff und das Wort dem Denken vorausgehen und dieses somit ein Sprechen ist, verhält es sich bei einem Spaziergang und Gespräch mit einem anderen Menschen in änlicher Weise, wie bei einem inneren Dialog. Nur mit den Empfindungen ist es etwas anders: diese bedürfen Analogien und Gleichnisse, um sie vermittelbar zu machen. Denn das Gespräch mit einem anderen Menschen fordert auch ein Hinaustreten aus dem Schwelgen und ein Figurwerden der inneren Empfindung vor einem medialen Hintergrund, als welcher sich die freie Natur in ihrem ganzen Wesen darbietet. Auch habe ich versucht für die Beratung im Gehen eine wissenschaftliche Begründung zu suchen. Leider habe ich diesbezüglich kaum Forschungen gefunden. Ein Ergebnis habe ich in von Weizäckers Idee der Gestaltkreise entdecken können. Es geht dabei um den Zusammenhang von Bewegung und Wahrnehmung. Die Forschung führt jedoch zu einem anderen Schwerpunkt, als der hier verfolgte, so dass ich die Grundidee nur kurz aufzeigen möchte. Demnach stehen die beiden Gestaltkreise von a) 'Denken und Sprechen' und b) 'Bewegen und Wahrnehmen' nicht in direktem Kontakt miteinander. Sie werden vom Subjekt zum Zwecke der Exploration und des Erkenntnisgewinns miteinander koordiniert. Das begreifende Ich fasst beide Kreise zusammen, um sich zu aktivieren und in seiner Entwicklung voranzutreiben.
Für eine Beratung im Gehen birgt dies die unterstützende Aussage, dass unterschiedliche Systeme sich gegenseitig beeinflussen können. Wie kommt es beispielsweise, dass man am Spinnrad beginnt zu "spinnen"? Damit ist natürlich die Freude zum Phantasieren gemeint, die besonders dann auftrit, wenn man stundenlang mit etwas monoton beschäftigt ist. Den Gedanken wird es dann wohl zu langweilig und sie fangen ein kreatives Eigenleben an; sie geraten ins Fließen (Flow). Ganz entscheidend ist hier, dass der Bewegungsapparat in irgend einer Form mit der Aktivierung von Sprache, von kreativen Denkvorgängen und Phantasien zu tun hat. Nun kommt auch noch beim Gehen hinzu, dass durch die Bewegung nicht lediglich ein Stoffwechsel angeregt wird, sondern dieser Prozess selbst zu einem Bild des Austausches wird: Lebenswichtige Stoffe wechseln die Körper und wandeln sich im jeweils anderen um. Das findet während des Atmungsprozesses statt: Sauerstoff tritt in direkten Kontakt mit unserem Blut, wird von diesem über eine gleichsam offene Wunde in den Lungenästen als Energie aufgenommen und in Form von verbrauchten "Brennstäben" wieder abgegeben. Der energetische Dialog findet dabei mit der Pflanzenwelt statt, die in ihrem umgekehrt-analogen Verbrennungsprozess die verbrauchten "Brennstäbe" wieder aufbereitet. So gesehen stellt auch die Pflanzenwelt eine offene Wunde dar, durch die der Kreislauf des Lebens in Gang gehalten wird. Dies lediglich zu wissen, ist das eine, dies zu erkennen und daraus eine Einsicht zu gewinnen, das andere. Geist ist in allen naturphilosophischen Betrachtungen immer vermittelt durch den Odem, der nicht einfach nur Atem ist. Buddisten haben beispielsweise alte Schriften, die nicht mehr benötigt wurden nie weggeworfen oder verbrannt: Sie legten sie in der Natur aus, damit der in den Worten gebundene Geist wieder frei werden kann. Zudem gibt es dort viele Gebetsfahnen, die im Wind flatternd, ihren Gehalt weitertragen können. Worte, als eine manifeste Form, der Vermittlung geistiger Prozesse, werden in der freien Natur insofern eher spielerisch angeregt, als beim Sitzen in abgeschlossenen Räumen. Und dadurch ist ja schließlich der beratende Dialog gekennzeichnet: durch Austausch, durch ein sich gegenseitiges Mitteilen, ein aufeinander Eingehen; d.h. man teilt aktiv mit jemand anderem etwas und gewinnt darüber etwas Gemeinsames. Dieser Prozess stellt für beide Dialogpartner einen Austausch dar. Dabei werden nicht lediglich Worte gewechselt oder ausgetauscht, sondern das, was diese Worte zum Inhalt haben und was sie bedeutungsvoll macht. Der Wort als reines Zeichen kommt dabei kaum Bedeutung zu, denn schließlich kann ein solcher Dialog sich auch einer Zeichensprache bedienen. Die symbolisch-bedeutungsvolle Vermittlung der geistigen Prozesse, die in der Bewegung angeregt wird, ist hier das Entscheidende. Und wie beim Stoffwechsel kann auch in der Beratungssituation während des Gehens eine Entgiftung stattfinden. In der systemischen Familientherapie spricht man von toxischen Milieus. Das sind Systeme, wie das der Familie, einer Partnerschaft, eines beruflichen Feldes, die psychisch so belastet sein können, dass es für den einzelnen nur eine Chance gibt, wenn er dieses Milieu verläßt. Die Kommunikation ist hinsichtlich der Rolle, die man in jenem Beziehungsgeschehen freiwillig oder unfreiwillig übernommen hat "vergiftet". Hinter jedem Satz, hinter jeder Verhaltensweise lauert eine widersprüchliche Botschaft, die einen Menschen im Laufe der Zeit in den Wahnsinn treiben können. Weil die Protagonisten solcher Systeme in erster Linie darauf bedacht sind, abgeschlossen zu bleiben, gibt es auch wenig Möglichkeiten zur "Entgiftung". Die meisten Verhaltensweisen, beispielsweise auch die Erziehung der Kinder, gehen mit Botschaften und Delegationen (z.B. Berufswahl) einher, die dem Erhalt und der Rechtfertigung des hochbelasteten Systems dienen sollen. Und so manchen habe ich schon sagen hören, dass ein Bekannter wieder seinen "Müll" bei ihm abgeladen hat. Das ist nicht schön so zu sprechen, doch es steckt ein Körnchen Wahrheit in der Metapher. Ein Gespräch, insbesondere ein Gespräch in der Psychologischen Beratung soll auch eine reinigende Wirkung haben. Der Austausch dient dazu, Umstände, die man als Balast empfindet neu zu überdenken und sie in anderer Form wieder zu zurückzunehmen. Schließlich kennen wir einige Analogien, die eine Verbindung zwischen Sprechen und Gehen beinhalten. Beispielsweise sagt man, wenn jemand gedanklich einige Punkte "überspringt", dass er langsamer voranschreiten soll, man könne nicht Schritt halten, oder es gehe einem einfach zu weit. Im gemeinsamen Gehen sind Tempo und Raum relativ frei; ergeben sich vielmehr aus der Dynamik des Gesprächs. Beine, Arme und Kopf können sich frei bewegen, die Lungen atmen. Der Geist schaut, die Seele kann aufnehmen. Und so ist der Berater jemand, der einen Klienten ein Stück auf dessen Weg begleitet. Und auch dieses Teilstück beginnt mit dem ersten Schritt. Ein geschlossener Raum bietet selbstverständlich auch einige Vorteile, etwa den des Schutzes durch die Wände. Es lässt sich zudem nicht alles im Freien besprechen. Zu manchen Interventionen bedarf es eines geschützten Raums. Ich möchte beide Settings miteinander kombinieren, wobei der Schwerpunkt auf der Gehberatung liegt. Das Bild des Weges wird in der Beratung im Gehen Wirklichkeit: Jeder Prozess bedeutet einen Weg - Warum ihn nicht gehen? © Copyright - Semanticom-Beratung im Gehen - Friedrich Reinhard 2005 |
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